Was ist der Unterschied zwischen High Fantasy und Low Fantasy?

jonas-high-low-fantasy-blog.jpg

»When they go low we go high«

Hat dieser Ausspruch von Michelle Obama im US-Wahlkampf 2016 vielleicht etwas mit dem Unterschied zwischen High Fantasy und Low Fantasy zu tun? Gibt es vielleicht eine Analogie, eine Verbindung, ein Sich-Entsprechen? Nun, das klären wir später in diesem Beitrag. Lasst uns vorher mal die beiden Begriffe High Fantasy und Low Fantasy genauer anschauen und herausfinden, wofür Low und High im Fantasy-Bereich denn überhaupt stehen.

High Fantasy: Der Überflieger im Fantasy-Bereich

Eine Sache können wir gleich zu Beginn klären: Mit Cannabis-Legalisierung hat High Fantasy genauso wenig etwas zu tun wie ein High School Musical mit einem fetten Joint. Aber was wird als High Fantasy bezeichnet? Der vermutlich bekannteste Vertreter dieser Gattung ist »Herr der Ringe« von J. R. R. Tolkien. Hier kämpfen die Protagonisten in einer frei erfundenen und extrem aufwändig konstruierten Fantasywelt, in der es verschiedene Völker, Kulturen, Sprachen, Tiere und Pflanzen, unterschiedliche moralische Vorstellungen, Magiesysteme und fiese Monster gibt. Und Drogen gibt es höchstens in Form von Gandalfs Zauberpfeife ;-)

 

Halten wir also fest, was High Fantasy ausmacht:
 

  • Eine frei erfundene und aufwändig gestaltete Welt, die sich deutlich von unserer unterscheidet (meistens veranschaulicht durch eine schicke Fantasykarte zu Beginn des Buches)

  • Magie und Waffen spielen eine große Rolle

  • Es gibt eine eigene Pflanzen- und Tierwelt, Völker und Kulturen, Ländereien und Reiche mit individuellen Geschichten

  • Die Heldenreise samt Charakterentwicklung sowie der Kampf Gut gegen Böse sind häufig zentral für die Story in einem High Fantasy Roman

  • Die Rettung der episch angelegten Welt steht im Vordergrund – sonst wäre ja auch der ganze Aufwand umsonst gewesen ;-)

 

Moderne Romane gehen bei der Charakterentwicklung und der früher oftmals starren Ausrichtung Gut gegen Böse oftmals einen neuen und unverbrauchten Weg. Ein gutes Beispiel ist hierfür Game of Thrones, wo die Charaktere mehr Schattierungen haben als mein alter Röhrenfernseher.

Low Fantasy: Fantasy mit flotter Handlung

Während die High Fantasy im Metal-Bereich das neue Blind Guardian Album mit 120-Spur-Chören und Hochglanz Fantasy-Cover verkörpern würde, so käme die Low Fantasy eher als Underground-MC mit verbeultem Cover daher. Hier stehen nicht die ganz großen Themen wie die Rettung einer aufwändig orchestrierten Fantasywelt im Mittelpunkt, sondern eher der Kampf des Helden oder der Heldin gegen einen Bösewicht oder anderweitige Gefahren.

 

Auch wenn immer wieder betont wird, dass mit dem Ausdruck low keine Wertung verbunden sei, so lässt sich das meiner Meinung nach nur sehr schwer vermeiden. Low bedeutet nun eben mal »niedrig« oder »gering«. Und Testament-Sänger Chuck Billy singt im 94er-Song Low die Zeile »How Low, how low you can go …« – eine glorreiche Siegeshymne klingt definitiv anders.

 

Übrigens wurde der Held in den Heftromanen der 30er und 40er Jahre stets männlich, muskelbepackt und furchtlos dargestellt. Das Wort »weinen« war in seinem Wortschatz so unbekannt wie die Fähigkeit zur gewaltfreien Lösung von Konflikten. Diese Heftromane galten als die Wurzeln der Low Fantasy. Einer der bekanntesten Helden der Low Fantasy und so etwas wie ein Prototyp der damaligen Zeit ist Conan der Barbar von Robert E. Howard.

 

 

Halten wir also fest, was Low Fantasy ausmacht:
 

  • Die Handlung spielt in einer Welt, die unserer sehr stark ähnelt – schnelle Kampf- und Gewaltszenen bringen die Handlung voran

  • Die Detailtiefe der dargestellten Welt mit ihren Bewohnern ist gering

  • Im Vordergrund steht keine episch angelegte Welt und deren Schicksal, sondern der Handlungsweg/das Schicksal des Helden oder der Heldin

  • Heikle Fragen bezüglich Moral und Ehre zeichnen oftmals ein zwiespältiges Bild des Helden oder der Heldin

  • Im Gegensatz zu High Fantasy Sagen, die oftmals mehrere Bände umfassen, wird Low Fantasy oftmals in abgeschlossenen und kurzen Episoden erzählt

 

Low Fantasy in der heutigen Zeit

Das Erbe von Conan & Co. lebt auch in heutigen Buchreihen fort – wenn auch nicht in ihrer damaligen sehr eindimensionalen Charakterausgestaltung. Goodreads listet zum Beispiel auch die Harry Potter Reihe oder City of Bones unter dem Genre-Label »Low Fantasy«. Hier wird insbesondere der Aspekt unterstrichen, dass die Handlung in einer uns doch sehr ähnlichen Welt spielt (wobei Harry Potter durchaus auch High Fantasy Elemente wie die Muggel-Welt enthält). Es wird also deutlich, dass sich auch das Genre der Low Fantasy beständig wandelt – so wie sich auch unsere soziokulturellen Ansichten und Vorlieben für neue Genremischungen ändern.

Ist Herr der Ringe High Fantasy?

Es gibt durchaus Gelehrte, die Herr der Ringe der epischen Fantasy (aus ihrer Sicht ein Sub-Genre der High Fantasy) zuordnen und hier noch einmal unterscheiden. Doch wie ihr wisst, gibt es ja immer mal wieder Streit unter Gelehrten. Hier auf meinem Blog steht epische Fantasy gleichbedeutend mit High Fantasy und daher gehört Herr der Ringe der High Fantasy an, basta. Allein die Tatsache, dass J. R. R. Tolkien eine eigene Sprache für seine Welt erfunden hat, zeigt, dass es higher eigentlich gar nicht mehr gehen kann.

 

Ist Wheel of Time High Fantasy?

Die moderne Amazon Fantasyserie Wheel of Time ist übrigens auch High Fantasy. Ein eigenes Fantasy-Setting mit Magie, Monstern, eine eigene Tier- und Pflanzenwelt und das Motiv der Helden, die Welt vor dem Untergang zu retten, entsprechen allesamt den Trademarks einer High Fantasy Serie.

Ist Tad Time High Fantasy oder Low Fantasy?

Die Tad Time Powerfantasy-Serie ist Powerfantasy. Was dieses Genre genau ist, habe ich in einem eigenen Blog-Beitrag Powerfantasy oder Fantasypower beschrieben. Im Sinne von High Fantasy oder Low Fantasy wäre Tad Time für mich eine Mischung. Da es den Spirit von Groschenromanen atmet, gleichzeitig aber eine eigene Fantasywelt vor den Augen des Lesenden entstehen lässt, verbindet es für mich das Beste aus beiden Genres.

powerfantasy.jpg

Was ist denn jetzt mit »When they go low we go high«?

Tja, nach all den Ausführungen bleibt festzustellen, dass dieser Ausspruch wirklich gar nichts mit der Unterscheidung von High Fantasy und Low Fantasy zu tun hat. Aber der Einstieg war schon cool, oder?

Fazit: Ob High oder Low ist doch eigentlich egal

Mit dem Verwischen der Genre-Grenzen neuer Fantasyserien verwischen auch die starren Einteilungen der High Fantasy und Low Fantasy. Geschichtlich ergibt es durchaus Sinn, sich die Unterschiede und Entstehungen der beiden Genres einmal anzuschauen, aber meiner Meinung nach ist die Einteilung nach »High« und »Low« sogar eher hinderlich, da sie automatisch eine Wertung mit sich bringt (ob gewollt oder ungewollt). Daher mein Tipp: Achtet beim Kauf eures nächsten Fantasyromans ganz bewusst nicht auf die Kategorisierung nach einem bestimmten Genre. Geht nach dem Klappentext – und wenn euch dieser catcht, dann greift zu, ganz egal ob High Fantasy, Low Fantasy, Epic Fantasy, Dark Fantasy, Urban Fantasy oder … ach, egal …